MONITOR - Ausgabe 5/2002 - JobTraining Feng Shui
"Wir brauchen weder Arbeitslegebatterien noch Arbeitswohnzimmer, sondern inspirierende Arbeitsplätze."

Monitor sprach mit dem ersten europäischen Experten, der Feng Shui an unsere westliche Kultur anpasste. Der Österreicher Günther Sator, Bestsellerautor und Begründer der Feng Shui Academy in Mattsee, ist heute einer der führenden westlichen Berater für Banken, Gewerbebetriebe und Privatkunde.
Dimitri Ikonomu
In den Prospekten der bekannten Möbelhersteller taucht immer häufiger der Name Feng Shui auf. Das wäre vor Jahren doch unmöglich gewesen.
Auf jeden Fall. Vor fünf Jahren wäre das ein Unding gewesen. Früher waren in der modernen Bürowelt allein das Design und die Funktionalität ausschlaggebend. Das Bewusstsein des normalen Bürgers hat sich mittlerweile verändert, viele erkennen, dass zwar viel neu gebaut und eingerichtet wird, aber viele Arbeitsplätze so gestaltet werden, dass sie einfach nicht harmonisch sind.
Ist die neue Generation sensibler?
Ja, die Menschen geben sich nicht mehr einfach mit Vorgefertigtem zufrieden. Viele fragen sich, auch auf ihren Arbeitsplatz bezogen: "Fühle ich mich wohl hier?" Feng Shui bringt uns wieder ins Bewusstsein, dass es nicht nur eine linke, rationale, sondern auch eine rechte, emotionale Gehirnhälfte gibt. Das Ausgeglichene, die Balance ist das Thema, nicht das Einseitige. Das Rationale ist genauso wichtig wie das Emotionale, es braucht aber beides.
Stoßen Sie, wenn Sie Firmen beraten, manchmal an Grenzen oder sind Korrekturen immer möglich?
Die durchschnittliche westeuropäische Firma nutzt nur einen Bruchteil von dem Potential und den Ressourcen, die sie eigentlich hätte. Sobald eine Offenheit in einem Unternehmen da ist, kann ich subtil neue Möglichkeiten zeigen. Oft muss nur eine Kleinigkeit verändert werden, aber diese Kleinigkeit hat Folgewirkungen, etwa auf die Kommunikation im Unternehmen. Wir wissen, neun Zehntel unserer Wahrnehmung ist emotional unbewusst, nicht rational bewusst. Rational kann der Arbeitsplatz gut sein. Aber wenn hinter dem Mitarbeiter der offene Flur ist oder die Tür zum Lift oder zum Chef und permanent Leute rein und raus laufen, dann wird der Mitarbeiter emotional unbewusst irritiert sein. Folge: Er kann sich nicht gut konzentrieren, ist ständig abgelenkt, seine Leistungsfähigkeit nimmt ab. Vielleicht zieht es ihn immer wieder zur Kaffeemaschine, zum Kopierer oder irgendwoanders hin, weil er es zu lange an seinem Arbeitsplatz nicht aushält. Durch die Veränderung seiner Arbeitsplatzposition kann das Problem gelöst werden.
Wie stehen Sie zu Großraumbüros und Call Center?
Man geht heute her und versucht durch Großraumbüros Kosten zu reduzieren. Der Mensch wird so behandelt, als funktioniere er auf Knopfdruck, wie ein Mikrochip. Büromitarbeiter als Funktionseinheiten in Arbeitslegebatterien - das hätten zwar viele Unternehmer gerne, kann aber niemals funktionieren, weil wir halt emotionale Wesen sind. Viele Arbeitsplätze werden oft aus Ignoranz falsch gestaltet. Es geht um Einheiten mit so und so vielen Quadratmetern und einer guten Belichtung, dazu kommt noch ein bisschen Ergonomie, und das war's. Und um einen Privatbereich zu schaffen, den jeder von uns braucht, stellt man Trennwände vor die Mitarbeiter, das heißt man schafft vorne eine Blockierung, was negative Auswirkungen hat auf die Motivation und Perspektive der Menschen. Folge: Die Büromitarbeiter beginnen sich einzubunkern, weil sie sich irritiert fühlen. Sie versuchen, mit möglichst geringem Aufwand durchzukommen und ihre Zeit von 8 bis 17 Uhr abzusitzen. Feng Shui kann das Individuum stärken. Das heißt jetzt nicht ein Wohnzimmer schaffen. Es geht eher um fundamentale Dinge wie die richtige Position; ein Mitarbeiter darf etwa nie mit dem Rücken zur Tür sitzen.
Sie sprechen in ihrem Buch von dem berühmten Brett vor dem Kopf.
Das sind ganz banale Dinge. Wir brauchen einen weiteren Blick, der nicht direkt vor einer Wand oder dem bekannten Brett aufhört. Büromitarbeiter brauchen starke, so genannte "Power Plätze". Ein Unternehmer schadet sich doch selbst, wenn er seine Mitarbeiter auf schwache Plätze setzt. Es sind letztendlich seine Ressourcen, die er vergeudet.
Es gibt doch auch gute Entwicklungen. Die Transparenz, die immer stärker in der modernen Bürowelt umgesetzt wird, ist doch positiv?
Eine Firma, die alles offen und transparent macht, erzeugt zunächst einmal Dynamik, und das ist gut. Wird aber zuviel geöffnet, dann entsteht zwangsläufig auch Unruhe. Dann ist das normale Maß der Klarheit und der guten Belichtung, überschrieben mit Transparenz, überschritten. Die Mitarbeiter bekommen ein unwohles Gefühl und denken: "Ich werde ständig kontrolliert und habe keinen Platz mehr hier." Kein Mensch kann nur nach außen hin leben. Es geht also wieder um die Balance: öffnen ja, Transparenz ja, aber mit Maß und Ziel. Viele Unternehmer machen den Fehler, dass sie allein Designansprüchen gerecht werden wollen; das Prestige nach außen ist für sie wichtiger als die emotionalen Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter. Ich erlebe es sehr häufig, dass eine Firma um- oder neubaut, umzieht und plötzlich steigt die Kündigungsrate. Das war zum Beispiel der Fall eines großen Verlagshauses in München, das seine kuscheligen dezentralen Strukturen, die auf die Stadt verteilt waren, aufgab. Alle Mitarbeiter zogen in einen großen, zentralisierten Glaspalast ein. Überall nur Glas und dazu noch sterile Vorschriften: Niemand durfte etwas Persönliches mitnehmen, keine Bilder, keine Pflanzen, nichts. Durch diesen Mangel an emotionaler Substanz und Wärme begannen sich wichtige Firmenstrukturen aufzulösen, es entstand ein Klima des Nebeneinanders statt des Miteinanders und die Mitarbeiter klagten über die sterile Atmosphäre und mehr Stress. Altbewährte Strukturen lösten sich auf, die Kündigungs- und Burnoutrate stieg schlagartig an und ist leider seit damals durchgehend enorm hoch geblieben.
Wie stehen Sie zu den immer häufiger werdenden mobilen Arbeitsplätzen?
Ein ganz großes Problem: Jeder hat seinen Caddy, keiner hat mehr einen fixen Arbeitsplatz, jeder hat nur noch seinen Laptop-Anschluss und sucht sich seine Box. Wo sind wir denn da anders als in einer mobilen, modernen Legebatterie unter dem Deckmäntelchen des Fortschritts. Der Mensch bewegt sich zwar gerne, braucht aber gleichzeitig auch Verwurzlung, Klarheit und Orientierung. Wie entwickelt sich nun eine Firma, wo das wichtigste Gut, die Mitarbeiter, zu Nomaden werden? Das Gefühl der Betriebszugehörigkeit nimmt ab; emotionale Bindungen zum Unternehmen werden ersetzt durch die Mentalität: "Wie komme ich mit dem geringsten Aufwand durch?" Die Tatsache, dass die Mitarbeiter viel arbeiten, heißt noch lange nicht, dass das effizient und ausschließlich zum Wohle der Firma auf Dauer geschieht. Allerdings: Ein bewegliches Arbeitsumfeld hat auch Vorteile, es schafft geistige Beweglichkeit. Der Unternehmer muss nur sehen, dass er ausreichend Gegenpole schafft, die die emotionale Bindung zur Firma wieder herstellen: eine angenehme Cafeteria, gemütliche Besprechungsinseln oder auch Sozialleistungen wie einen Kindergarten für die Kinder der Angestellten. Mangelt es an Menschlichkeit gehen die Mitarbeiter in die innere Emigration, werden auch häufiger und länger krank. Die vielen Rückenprobleme kommen doch nicht nur von einer falschen Sitzhaltung, sondern auch, weil die Büroangestellten emotional überlastet und verkrampft sind.
Wo werden denn Ihrer Meinung nach die größten Fehler gemacht, in großen oder kleinen Firmen? In beiden, Ausnahmen gibt es allerdings bei allen. Das Paradoxe dabei, ich kann das falscheste Feng Shui haben, wenn das Betriebsklima stimmt und die Mitarbeiter das Gefühl haben: "Super, ich bin stolz und freue mich, hier zu arbeiten.", kann es eine Weile ganz prima laufen. Selbst ein Büro, wo die Leute falsch sitzen, die Beleuchtung schlecht ist, kann gut funktionieren, wenn das bestimmte "Etwas" da ist, was sehr motiviert. Besser wäre natürlich, wenn alles stimmen würde, ohne allerdings hundertprozentig perfekt sein zu wollen. Feng Shui versucht das Gesamte zu sehen und ist ein Tool, das einem wachen und offenen Unternehmen in jeder Situation helfen kann.
Thema Mobbing-Opfer. Können Sie denen mit dem Tool Feng Shui helfen?
Oft ja. Es gibt Menschen, die aufgrund ihres Lebenslaufes schwächer sind und eine Opferrolle ausstrahlen. In New York hat man Gefängnisinsassen, allesamt Schwerbrechern, ein Video mit Touristen und Einkaufspassanten vorgeführt. Ihre Aufgabe war festzulegen, wen sie am ehesten überfallen würden. Unter 1000 Gefilmten wurden mit großer Übereinstimmung nahezu dieselben Personen ausgesucht; sie alle erschienen in ihrem Auftreten und Gehabe am schwächsten. Beim Mobbing im Büro überlege ich mir, wie ich jemanden, der es schwach erwischt hat, so unterstützen kann, dass er eine andere Erfahrung macht und eine andere Ausstrahlung bekommt. Fast alle Mobbing-Opfer sitzen auf schwachen Plätzen, wie etwa mit dem Rücken zur Tür und oft mit ihrer Blickrichtung weg vom Team, meist mit direktem Blick aus dem Gebäude. Diese Leute bekommen sofort eine stärkere Position, wenn sie auf stärkere und geschütztere Plätze umgesetzt werden.
Dazu kommt, dass wir alle unbewusst eine Vorliebe für einzelne Himmelsrichtungen entwickelt haben. Erfolgreiche Unternehmer, bei denen es gut läuft, sitzen im Büro oder bei Besprechungen instinktiv in einer ihrer Power-Himmelsrichtungen. Im Feng Shui werden diese Himmelsrichtungen "Kua-Richtungen" genannt. Diese sollte jeder Unternehmer kennen (siehe Literaturtipp).
Farben im Büro. Mehr Mut zu kräftigeren Farben, aber sehen sich die Büromitarbeiter dann nach ein paar Monaten nicht daran satt?
Mein Vorschlag ist, immer nur das tun, was gefällt und Spaß macht. Dann kann auch mal eine Wand in einem mutigen Farbton gestrichen sein. Ich rate auch nicht zu Shocking-Farben, sondern empfehle etwa in einer tristen, sterilen, lichtarmen und monotonen Umgebung ganz gezielt aufheiternde Gegenpole einzubringen; das kann ein fröhliches Bild, eine farbige Wand, ein tolles Poster, ein Wasserobjekt, eine exotische Pflanze sein. Großflächig darf es aber nicht werden, denn das würde ja heißen, dass Sie versuchen das eine Extrem mit einem anderen auszumerzen. Und damit wäre die gewünschte Balance wieder hin. Also, wenn mutige Farben, dann aber nicht gleich alles damit anstreichen.
Was empfehlen Sie für die Computerarbeit im Büro?
Wir alle kennen den angenehmen Duft der Luft nach einem Gewitter. Durch Computer im Büro wird die Raumluft energetisch geschwächt; sie wird stark verbraucht. Gesunder Menschenverstand ist hier die Lösung, man sollte einfach öfter lüften. Allerdings ist eine Klimaanlage absolut nicht dasselbe wie lüften, denn diese Anlagen sind oft reine Bakterienschleudern, die die Büroangestellten krank machen. Neben dem Lüften sind gesunde Zimmerpflanzen ideal, denn sie reinigen die Luft, werden jedoch leider oft eher als Problem gesehen: Wer kümmert sich um sie? Und sie kosten etwas. Ich zum Beispiel habe mir zwei Arbeitsplätze eingerichtet, einen normalen und einen PC-Arbeitsplatz. Da stehe ich zwar auf und gehe drei Meter, aber das ist gut, sich zu bewegen. Bewegung der Mitarbeiter fördert deren Innovationskraft und geistige Regheit.
Wie sieht Ihre Zusammenarbeit als Feng Shui-Berater mit Designern und Architekten aus?
Ich berate kleine und große Unternehmen weltweit und habe einen Pool von Leuten, die für diese Problematik offen sind. Meinen Kunden gebe ich, wenn Sie es wünschen, Kontakte zu Architekten, Designern, Lichtgestaltern, usw. Dieser Pool ist sehr wichtig, denn in der Praxis gibt es Reibungspunkte mit konservativ eingestellten Architekten und Innenraumgestaltern. Die fühlen sich in der Regel übergangen, wenn da so ein "Feng Shui-Fuzzi" daherkommt und denen auch noch sagt, was sie falsch machen.
Wie erkenne ich als Unternehmer einen seriösen oder unserösen Feng Shui-Berater?
Ein guter Berater kann nichts versprechen, schon gar nicht, dass Sie reicher und erfolgreicher werden. Er kann nur behilflich sein, Dinge zu erkennen und versuchen, mit dem Unternehmen gemeinsam energetische Mängel zu erkennen und daraus Verbesserungsvorschläge zu erarbeiten. Außerdem hört ein seriöser Berater viel zu, fragt viel und nimmt viel auf. Er kommt nicht mit dem Anspruch daher, er würde von vorneherein schon alles besser wissen. Das Wohlergehen der Firma und der Menschen, die dort arbeiten, ist das Ziel seiner Arbeit.
Was ist Ihr persönliches Hauptziel für die Zukunft?
Gerne würde ich als Berater die ganz großen Mover dieser Welt kennenlernen und sie mit meiner Beratung unterstützen. Wenn Mercedes oder eine wichtige Regierungsinstitution intelligente Feng Shui-Lösungen in den eigenen Büros umsetzt, hat das einen gewaltigen Multiplikationseffekt.
Vielen Dank für das Gespräch.
(Buchtipp: Feng Shui am Arbeitsplatz / Günther Sator. Signum-Verlag. Wien, Hamburg. 1999)
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